Mittwoch, November 30, 2005

Dufte Krawatte

Sonntag, November 20, 2005

Fischen im tiefschwarzen Fluss

Bild vom Buchdeckel
Bild von einer Buchecke im Rücken
Bild vom Text

Der gestrige Tag zwang mich, meinen Hintern in die unbarmherzige Kälte vor der Tür zu schaffen, um DVDs zurück zur Videothek zu bringen, um zu verhindern, dass mir der Besitzer ein Moskau-Inkasso auf den Hals hetzt, welches dann Mitarbeiter mit schlecht sitzenden Anzügen zu mir nach Hause schickt, die dauernd Sachen wie "Capisce?" sagen und gut florierende Kontakte mit Betonmischmaschinenherstellern pflegen.

Während ich also durch die graukalte Nachmittagsluft stolperte, erregte ein gelber Farbfleck meine Aufmerksamkeit. Beim näheren Hinsehen entpuppte es sich als Buch und auch, wenn es schon nicht mehr ganz frisch aussah, war meine Neugier stärker. Mit dem etwas gerockten Buch, dessen Umschlagseiten auf jeden Fall schon bessere Tage gesehen haben, ging ich also weiter.
Offensichtlich handelt es sich um einen Kurzgeschichtenband von einem mir unbekannten Autor namens Colum McCann, lässt sich aber, der etwas unappetittlichen Fleischbeilage zwischen der letzten Seite und der hinteren Umschlagseite nach zu urteilen, auch ganz gut als Fliegenklatsche zweckentfremden.

Das eigentlich Interessante an diesem Werk, das während des Schreibens vor mir auf dem Tisch liegt, ist aber nicht das etwas verschutzte Äußere, sondern die handschriftliche Mitteilung, die auf der ersten Seite steht, die ja, wie in allen Büchern, vom Verlag als leere Seite geplant wurde.
Der Schrift nach zu urteilen, wage ich die Vermutung, dass der Urheber dieser Zeilen weiblich war. Kaum ein Typ würde sich die Mühe machen, einen Text mit einem Füller und hübschen Schnörkeln zu verfassen.
Trotzdem habe ich stellenweise Schwierigkeiten, zu lesen, was in der Absicht der Verfasserin lag.
Es fällt außerdem ins Auge, dass der komplette Text in Kleinbuchstabend geschrieben ist.

Hier also der Text:

was kurzes zum abend(1)
meine schwester weint nicht mehr
ihr gesicht ist trotzdem hell
und sie singt mit ihrer tochter
im bad

mein vater sagt wenn er kommt
wann er geht und meine
mutter sagt hoffentlich nichts
still ist es immer am besten

niemand spricht, jeder lacht
und pinguine fliegen durch's bild

du kannst ihr nicht sagen, wie
sehr du sie liebst
sie nicht mehr da, und sie(2) hört
dich nicht mehr

bring deinem fisch(3) was zu essen
und nimm's nicht so schwer

[web.de Email-Adresse]

18.11.05

(1) Mit dem "Abend" bin ich mir nicht 100%ig sicher, ich kann es nicht zur Gänze lesen.
(2) "Und" ist durchgestrichen, "sie" steht darüber.
(3) Hier sieht es so aus, als hätte die Verfasserin das Wort Fisch zuerst klein geschrieben, und dann groß darüber geschrieben, oder anders herum.

Okay, das ist mehr als seltsam. Ich weiss nicht, ob das die Widmung eines Schenkenden ist, oder ob das Buch einfach nur das erste greifbare weiße Papier zum schreiben war. Ich habe langer mit mir selbst gehadert, ob ich das Buch einstecke oder liegenlassen sollte. Mitgenommen hab ich es, weil ich mir vorgenommen habe, eine Email an die besagte Adresse zu verfassen. Ich hoffe inständig, dass sie noch aktiv ist, aber da das Gedicht recht neu (18.11.05) zu sein scheint, bin ich zuversichtlich.

Ich bin ehrlich gespannt und hoffe auf eine zeitige Antwort des Verfassers. Ich halte euch natürlich auf dem Laufenden.

_brause