Montag, Juli 04, 2005

Die Brause in Schlips und Krawatte

Was macht man gemeinhin an einem Samstagabend?
Entweder überhaupt nix, oder man trinkt sich ordentlich die Leber in'n Arsch, oder man hängt gemütlich mit ein, zwei Bierchen bei ein, zwei Freundchen und schaut sich ein, zwei Filmchen an.
Und was macht der Jörn an diesem fatalen Samstagabend?
Er geht seinen sozialen Verpflichtungen nach und folgt der Freundin zum Abi-Abschlußball der Schwester. Denkt der Jörn wenigstens. Aber dazu später mehr.

Jedenfalls steht die Brause um sechs Uhr abends vor dem Spiegel und müht sich ab wie ein Irrer, den beschissenen obersten Knopf von dem dreckigen Scheißhemd zuzuknöpfen. Voll super, die Dinger. Wer immer sich Hemden ausgedacht hat, muss wohl enorm auf Atemnot abgehen. Besonders viel Spaß hat aber zuletzt dann doch das Sakko gemacht, bei geschmeidigen 28°C vor der Tür ist das auch absolut nötig, um sich nicht was empfindliches abzufrieren.
Nachdem ich mir also brav die Haare gekämmt hatte, ging's ab nach draussen und dann auch schon ins Fegefeuer, welches sich perfide als Strassenbahn verkleidet hatte. Die Menge an Flüssigkeit, die ich alleine schon in der Bahn verloren habe, hätte ausgereicht, um ein kleines Land mit Trinkwasser zu versorgen. Es gibt nichts, was einen schmaleren Fuß macht, als das Gefühl, die Schweißperlen am Rücken runterlaufen zu spüren. Absolut super. Argh. Gnah.

Verabredet waren wir um 18.30 am Heumart. DACHTE ICH!
War nämlich Arschlecken mit halb sieben. Nachdem ich um viertel vor dann bei meinem Mädel zu hause angerufen hatte, eröffnete sie mir, dass ich mich verhöhrt hatte, wir trafen uns um halb ACHT. Die Erkenntnis, dass ich in diesem Glutofen noch eine Stunde länger ausharren durfte, bevor ich auf die relative Kühle des Schiffs hoffen konnte, verleitete mich erstmal dazu, aus Frust das neue SoaD-Album zu kaufen. Konnte ich mir auch prima anhören, so ohne CD-Player. Den Rest der Stunde verbrachte ich folgerichtig damit, Klischees gegenüber Krawattenträgern zu unterstützen, indem ich zu jedem, den ich auf der Strasse traf, prophylaktisch unfreundlich war und ihn mit unfreundlichen Blicken durchbohrte. Hat auch irgendwie Spaß gemacht.

Nachdem Rike mich dann endlich, endlich, endlich vom Heumarkt wegholte, trudelte auch schon bald danach die Family from Hell© ein und laberte das gewohnte Blech. Ich schaltete auf Durchzug und betrachtete lieber das Schiff. Sieht ja ganz glanzvoll aus, dachte ich so bei mir. Ach, unsere Fahrt wird im Schiff daneben vonstatten gehen, dem besseren Krabbenkutter, dachte ich kurz darauf so bei mir.
Aber das konnte mir die Laune auch nicht so übel verderben wie das Familienfoto, was daraufhin geschossen wurde, wo wir ja alle "so schöne Klamotten" (sic!) anhatten. Da durfte ich als assimiliertes Familienmitglied natürlich auch nicht fehlen. Wo ich ja auch so gerne im Anzug fotografiert werde. Voll super.

Dann rauf auf's Schiff und gleich noch ein Foto schießen lassen, dieses Mal von einem "professionellem" Fotografen, der mit seinem 5,80m hohen Blitzlicht sicherlich nix kompensieren musste...Dieses wunderschöne (harrharr) Foto wurde später vom Onkel erworben und an Rikes Mutter weiterverschenkt, wo es jetzt auf dem Wohnzimmertisch steht und bei mir jedes Mal den Drang auslöst, Blut darüber zu kotzen.
Der Platz, den Rike und ich zugewiesen bekamen, war an einem Tisch, den wir uns mit zwei pubertierenden Mädchen teilten, welche uns freundlich grüssten und daraufhin von mir erstmal böse angeguckt wurden. Nur mal so, man weiss ja nie.
Danach vertrieb ich mir die Zeit damit, aus dem Fenster (oder wie sowas beim Schiff heisst) auf die Wellen zu schauen und ein ungutes Gefühl zu bekommen. Jeder, der mich kennt, weiss, wie gut ich schwimmen kann. Nämlich überhaupt gar nicht.

Kurz darauf dämmert mir die Erkenntnis des Grauens: Wir sind überhaupt nicht auf dem Abi-Abschlußball, sondern auf dem Abschlußball der Tanzschule der Schwester, welche zufällig auf den selben Tag fiel. Und das hieß: Kein Gratisbuffet. Noch einmal: Kein Gratisbuffet. In Worten: Kein Gratisbuffet. Gut, dass ich in Vorfreude auf die üppige Mahlzeit vorher extra wenig gegessen hatte. Mein Magen dankte mir diese Voraussicht mit einem enthusiastischen Knurren.
Ausser nix zu Essen gab es an diesem Abend jede Menge Schweiß, zwei (wow, zwei!) Gläser Kölsch, ein paar öde Tanzaufführungen, ein paar missglückte Tanzschritte meinerseits (ich hab, glaub ich, so ziemlich ALLES wieder verlernt), jede Menge prima Discofox, einen kleinen Streit mit Rike, eine Tanzaufforderung seitens ihrer Mutter, ausnahmsweise keine Fragen zur Verhütung von ihrem stets enervierend gut gelaunten Opa und Karnevalsmusik auf dem Oberdeck. Voll tanzbar und so, brech.

Als wir dann endlich gehen durften, war ich übelst müde und komplett ausgehungert. Aber das macht ja nix, schließlich fuhren wir ja zu Rike, wo ihre Mutter noch einen kleinen Mitternachtsimbiss vorbereitete. Ich freute mich auf irgendwas ordentliches zu Essen, Nudeln oder was-weiß-ich, und ich bekam: Trockenes Brot, Fetakäse und Oliven. Brot und Oliven. Die beste Mahlzeit, die sich jemand vorstellen kann, der aufgrund von Hunger dem Tod näher ist als dem Leben. Ich schätze, ich habe wohl so an die 10.000 Oliven in mich reingefressen, aber satt war ich deshalb noch lange nicht.

Und so ging dieser erfolgreiche Tag für mich doch tatsächlich ohne einen Lichtblick zu Ende. Hat sich wieder mal gelohnt. Ein Samstagabend, den ich nie wiedersehe; aber wenigstens einer mit Rike.