Donnerstag, Juni 09, 2005

Von der Frage nach dem Anspruch

"Jörn, jetzt kommt mal 'ne Aufgabe wie aus der Berufsschule!"
Mein Chef lehnt sich auf meinen Tisch und grinst breit. Tapfer unterdrücke ich den Drang, mit einem Backstein in sein Lächeln zu schlagen und blecke stattdessen meinerseits artig die Zähne.
Er übergibt mir die Aufgabe, eine Anzeige für einen Kunden zu gestalten. Zwar hatte meine Kollegin schon was vorbereitet, dass sei dem Kunden allerdings nicht "plakativ" genug.
Jetzt muss dazu gesagt werden, dass in meinen Augen "schön" und "plakativ" zwei Begriffe sind, die durch und durch antonym sind.
"Schön" bedeutet mit viel Hingabe nach reichlicher Überlegung gestaltet, mit viel freier Fläche, um die Botschaft auch in das Bewusstsein des Lesers übermitteln zu können. "Plakativ" bedeutet armselig hingerotzt, mit mehr Text, als auf das dreifache des Formats gehören würde.
Aber ich werde ja nicht für's Denken bezahlt, also mache ich mich an die Arbeit.
Nach einiger Zeit präsentiere ich ihm einen Entwurf, der meiner Meinung nach noch erträglich aussieht und doch auffällig genug ist. Dieser wird allerdings mit der Bemerkung abgeschmettert, er sei bei weitem noch nicht "plakativ" genug.
Und dann habe ich endlich mal ein Experiment gewagt, dass ich schon seit langem einmal versuchen wollte: Ich habe so ziemlich alle gestaltungetechnischen Regeln, die mir in der Schule eingebläut wurden, mit voller Absicht gebrochen und so eine Anzeige hergestellt, die mir den Würgereiz den Hals hochkriechen lässt.
Siehe hier.
Der Ausgang des Experiments hätte mir eigentlich auch schon von vorneherein klar sein können: Mein Chef war ausser sich vor Begeisterung. Ich entschied mich, mal seine Grenzen auszutesten, indem ich den wunderhübschen Daumen einsetzte, der sich im unteren Drittel der Anzeige bewundern lässt, eine dermassen unästhetische Sinnesvergewaltigung, dass mir normalerweise bei der blossen Idee die Schamesröte ins Gesicht steigen würde.
Doch statt mich zu feuern, schlug mein Brötchengeber lediglich vor, ich solle den Text in dem roten Balken (den mit den Farben und Größen) lieber in Schwarz auf Rot statt in Weiß auf Rot machen, weil man das besser lesen kann.

Und wenn das alles noch nicht genug war, um einen erwachsenen Mann zum Weinen zu bringen, dann auf jeden Fall das Experiment Nummer 2: Ich zeigte einem Kollegen die Anzeige und fragte ihn nach seiner Meinung.

"Ganz nett", sagte er.

Ich glaube, ich wechsel den Beruf. Hab gehört, sie suchen noch Fließbandarbeiter bei Ford.

Die Frage, die aus der ganzen Situation erwächst, lautet: Gibt es überhaupt ein Verlangen nach ästhetisch gestalteten Produkten? In meinem Umfeld gibt es ja noch den ein oder anderen Grafiker, und dass wir unsere Umgebung mit anderen (vielleicht gar geschulteren) Augen sehen, ist auch verständlich. Der Beruf färbt schon auf das tägliche Leben ab, ist ja ein ganz normaler Prozess.
Und ich weiss, von mir und von anderen, dass Leute, die gut von schlecht gestalteten Objekten unterscheiden können, auch höhere Ansprüche an das Aussehen von, sagen wir, einer Zeitung stellen.
Aber Lischen Müller eben nicht. Der Großteil der deutschen Bevölkerung würd einen schlecht gestalteten Katalog nicht erkennen, wenn man's mit Edding draufschreibt.
Wozu also typografisch oder gestalterisch hochwertige Erzeugnisse abliefern?
Um anderen Grafikern zu gefallen?
Vielleicht einfach, da man mit der Zeit einfach einen gewissen Anspruch an seine eigene Arbeit liefert.

Aber deprimierend ist es dennoch, wenn Leute einen solch zusammengeschusterten Müll nicht als die dahingerotzte Scheiße erkennen, die es ist, und es statt dessen mit "ganz nett" titulieren.

1 Comments:

Anonymous -Charybdis- said...

der eigene anspruch und der eigene job... kein traumpaar. man muß das zeugs ja für andere zusammenbasteln, und da läuft es letztendlich auf eine frage des (deren) persönlichen geschmacks hinaus. otto normalverbraucher hat tatsächlich keine ahnung - wozu auch, er muß die grafik ja nicht erstellen, nur wissen was er will (und selbst das fällt manchen leuten schwer). die frage, warum die leute dann ausgerechnet die grütze haben wollen statt das gottesmanna, stellt sich auch im filmgeschäft, in der literatur, in der malerei usw. usf. - warum lesen die leute beispielsweise ihre grishams, pilchers, coelhos und clancys? - weil es ihnen gefällt. basta. da tuste nix dran.

aber ich versteh dich...

12:45 nachm.  

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